TUNING WORLD BODENSEE

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VON DER FRISUR ZUM CHIP-TUNING

Tuning-Nostalgie: Geschichte des Tunings

Klassisches Tuning umfasst also das Feinwuchten der Kurbelwelle, Gewichtsanpassung von Kolben und Pleueln, die Überarbeitung des Zylinderkopfes mit Entgratung und Politur aller Kanäle, sehr bald aber auch das naheliegende Ändern der Steuerzeiten durch andere Nockenwellen, andere Kolben für mehr Verdichtung, geänderte Schwungräder, modifizierte Zündanlagen und vor allem andere Vergaser- und Einspritzsysteme, die zur Leistungssteigerung besonders wirkungsvoll sind.

Aber wer hats erfunden?

Genau genommen war schon der BMW 327 von 1936 ein getuntes Fahrzeug, denn der gleiche Sechszylinder mit 1971 ccm leistete dank anderer Vergaser 55 statt der ursprünglichen 50 PS des 326 und der siegreiche 328 hatte den gleichen Motor, aber mit Sport-Zylinderkopf und drei Vergasern, die für 80 PS sorgten. Ob Frazer Nash und Bristol in England, die diesen Motor ab 1937 verwendet haben, oder Veritas und AFM, die ihn ab 1948 weiterentwickelten – sie alle waren im klassischen Sinne Tuner am gleichen Basismotor. In Frankreich war es der Peugeot 402 des Pariser Händlers Emile Darl’Mat, der neben mehr Leistung auch eine Sportkarosserie hatte. Tuning ist deshalb keineswegs nur britisch, nur weil der Begriff aus England kommt, doch allein die zig Varianten des Ford 100 E-Motors aus Harry Potters Ford Anglia in hunderten kleiner britischer Rennwagen haben durch Genies wie John Cooper, Colin Chapman (Lotus), Keith Duckworth und Mike Costin (Cosworth) das Tuning bis in die deutschen Wohnzimmer verbreitet. Die OKRASA-Anlage des Motorenfriseurs Oettinger aus Friedrichsdorf brachte die ersten leistungsstarken VW-Käfer, unterstützt von Rallyefahrer Erich Bitter, der als Generalimporteur die passende Abarth-Auspuffanlage samt Mehr-PS beisteuerte.

Kult des Hot-Rods in Amerika

Gleichzeitig entstand in Amerika der Kult des Hot-Rods, aber auch erst nach 1946, als unzählige Ford T- und Ford A-Modelle, die in Millionen Exemplaren gebaut worden waren, für 20 Dollar an jeder Ecke zu haben waren. Wenn man in den stabilen Leiterrahmen statt des lahmen 40-PS-Vierzylinders einen neuen Chevy V-8 einbaute, machten einen die 250 PS zum „King of the block“ und man gewann jede Quartermeile. Genau so lang ist nämlich ein typischer amerikanischer Häuserblock – die Hot Rods mit den „heißen Pleueln“ waren auch die Begründer des Drag-Racings über die Viertelmeile und sorgten für fette Hinterräder an verstärkten Achsen.

Das „wer hats erfunden“ kann nicht klar beantwortet werden, aber ob USA oder Europa, Leistungssteigerung war Inbegriff der befreiten Nachkriegszeit und erst möglich, als die Fahrwerke und vor allem Bremsen so gut wurden, dass sie mehr Leistung vertrugen. Was man hier gern als „Motorfrisur“ bezeichnete, wird zum Feld der Markenspezialisten. Den Auftakt machte 1949 der begabte Rennfahrer und Ingenieur Carlo Abarth, der in Mailand biedere FIAT scharf machte, wie Sugo Arrabbiata und die Auspuffanlagen aller namhaften Autos dazu. Der erste in Deutschland war Dipl. Ing. Gerhard Oettinger mit seiner SOLEX 32 PBJ-Zweivergaseranlage auf selbst entwickelten Ansaugrohren mit Vorwärmung, die schon 1951 im Käfer für eine erhöhte Leistung von 24,5 auf 36 PS bei fast 4.000 U/min sorgten. 120 km/h waren so mit dem Käfer möglich. Noch im selben Jahr wurde der Name OKRASA eingeführt: Oettinger KRAftfahrtechnische Spezial Anstalt. Das animierte den  Zubehör-Erfinder Karl Meier-Andrae zu seinem „Tiefensteuer“ für den Käfer, der 1952 als erster Spoiler in die Tuning-Geschichte einging. 1956 stellte der Ingenieur Michael May sogar einen verstellbaren Flügel auf einen Porsche 550, was die Rennbehörde CSI so verschreckte, dass die rasende Kiste Startverbot erhielt, weil man ahnte, dass dieses Aerodynamik-Tuning den Porsche unschlagbar machen könnte.

Vom Krabbeln ins Rennen

Danach kam der ganze Kindergarten des Tunings vom Krabbeln ins Rennen: die ersten werksseitig lieferbaren Tuning-Autos waren der FIAT Abarth und der Mini Cooper, deren unterschiedliche Varianten auf die Hubraumklassen des Sportreglements abgestimmt waren. Nicht vergessen darf man auch die frühen Renault Gordini, die DB-Panhard und den Alpine aus Frankreich. Aus der Alpina-Vergaseranlage für BMW machte Burkhard Bovensiepen 1965 das Haus Alpina, 1964 kamen Rallye Bitter und sein Abarth- Programm, doch erst ab 1968 drängten heiß gemachte Limousinen ins Bürgerbewusstsein: Hans-Peter Koepchens BMW kämpften beim 24h-Rennen mit den Alpina und den Faltz-BMW aus Essen, dazwischen die schnellen Opel von Steinmetz, Irmscher oder Lexmaul und nicht zu vergessen auch die schnellen Zakspeed Ford aus Niederzissen. Was lag näher, als die Begeisterung für Höchstleistung am 7. November 1968 erstmals in einer Renn- und Sportwagen-Ausstellung zu bündeln, die in den Hallen der Messe Essen auf Anhieb 57.000 begeisterte Zuschauer sehen wollten. Was später als „Motorshow Essen“ das jährliche Saisonfinale für Fans, Fahrer und Teams bildete, sorgte für zweijährige Leistungsexplosionen im Motorsport und immer breitere Reifen, von denen schließlich dank AMG auch Mercedes- Fahrer profitierten, die sich den roten Langstrecken 6.3 zum Vorbild nahmen. Noch bevor Bodo Buschmann mit seinen Brabus-Benz startete, rückte Herbert Schnitzer die Buchstaben von Aachen vor das BMW-Alphabet und in den 70ern entbrannte der Kampf zwischen den rot-gelben Porsche Werkscoupes des Immobilien Tycoons Georg Loos, dessen GELO-Porsche den Kremers aus Köln wöchentlich neue Tuning-Aufgaben stellte.

Eigene Automobilsparte

1970 überraschte der inzwischen in die Schweiz gewechselte Ingenieur Michael May mit einem Ford Capri, den er nicht auf den streng limitierten Autobahnen der Eidgenossen probiert haben konnte. Mit einem Zusatz-Turbolader drehte er die Capri-PS-Zahl von 108 auf 180 PS – Porsche 911-Werte zum nahezu halben Preis! Spätestens jetzt war Tuning mehr als nur lauter Auspuff und Rallyestreifen an halbstarken Gebrauchtwagen. Seitdem stieg dass Interesse an leistungsgesteigrten Fahrzeugen so an, das sich daraus eine eigene Automobilsparte entwickelt hat. Das Frisieren von Motoren hat sich mit Tuning einen Namen als seriöse ingenieurtechnische Leistungssteigerung gemacht, die viele Entwicklungen beflügelt hat und heute alle Komponenten eines Fahrzeugs umfasst.

Der Automobilclub von Deutschland ist seit seiner Gründung 1899 mit der Entwicklung des Automobils eng verbunden und hat den Fortschritt dieses  Verkehrsmittels stetig begleitet. Die Begeisterung für Kraftfahrzeuge ist dem AvD von Anfang an in seinem Engagement eingeschrieben.

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  • Ford Capri, Zakspeed-Team
  • Audi Coupé Kamei
  • Mini Cooper S
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